Europäischer Kiezspaziergang in Schöneberg
zusammengestellt von Andreas Streit, Ronald Frank, Grit Bendmann, Eike Paulun und Katharina Borngässer sowie Mirka Schuster (Europabeauftragte des Bezirks Tempelhof-Schöneberg) für das Jahr 2024 und 2025.
Schöneberg ist der nördlichste Teil des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Er wurde im 13. Jahrhundert erstmalig urkundlich erwähnt. Im 19. Jahrhundert war der „schöne Berg“ südwestlich von Berlin mit seinen Gaststätten und angeschlossenen Annehmlichkeiten bei Berlinern sehr beliebt: „Das war in Schöneberg im Monat Mai ...“ ist beispielsweise der Beginn eines bekannten Liedes von Marlene Dietrich aus den 60ern. Der Ort wuchs enorm und erreichte 1898 Stadtstatus. 1920 wurde Schöneberg, wie viele andere Orte, in Groß-Berlin eingemeindet.
Während der Teilung Deutschlands war das Rathaus Schöneberg Sitz des West-Berliner Abgeordnetenhauses und Symbol für die politische Eigenständigkeit West-Berlins.
Heutzutage ist dieser Bezirk weit über Berlin hinaus bekannt für seine weltoffene und internationale LGBTQIA+ Community.
Die Route
Station 1: Kirche St. Matthias / Winterfeldtmarkt
Hier vor der Kirche St. Matthias auf dem berühmten Winterfeldtmarkt startet unser Kiezspaziergang durch Schöneberg. Auf dem 1893 nach dem preußischen General Hans Karl von Winterfeldt benannten Areal findet jeden Mittwoch und Samstag der größte Wochenmarkt Berlins statt. Hier hört man alle viele Sprachen, trifft aber auch die vielfältige Schöneberger Nachbarschaft an und kann sich einmal durch europäische sowie internationale Köstlichkeiten probieren.
Wegbeschreibug:
Wir gehen einfach ein paar Schritte die Pallasstraße Richtung Osten.
Station 2: Kochschule Palladin
Nach dem Motto „Gutes Essen - Gute Ausbildung“ engagiert sich der Verein ubs e.V. darum,
benachteiligten Jugendlichen die Chance auf eine qualifizierte Ausbildung zu ermöglichen und unter ökologischen Gesichtspunkten zu kochen. Ubs e.V. ist ein anerkannter Jugendhilfeträger und arbeitet auch im Bereich Berufsorientierung und Berufsvorbereitung mit der Jugendberufsagentur des Bezirks Tempelhof-Schöneberg zusammen. Außerdem ist ubs e.V. ist Mitglied im regionalen Ausbildungsverbund Tempelhof-Schöneberg und betreibt in den Bezirken Tempelhof-Schöneberg und Spandau drei Großküchen, eine Konditorei sowie ein à la carte Lehrrestaurant.
Das Projekt Kochschule Palladin wird auch mit Mitteln aus dem Europäischen Förderprogramm für regionale Entwicklung (EFRE) unterstützt.
Wegbeschreibug:
Wir überqueren die Pallasstraße und biegen in die Elßholzstraße ab, um gleich links unsere nächste Station zu erreichen.
Station 3: Sophie-Scholl-Schule
Die Sophie-Scholl-Schule ist Teil der staatlichen Europa-Schule Berlin, mit dem Schwerpunkt auf französischer Sprache. Bereits im 19. Jahrhundert gehörte diese Schule zu einer der wenigen “Höheren Töchterschulen“ im deutschen Sprachraum. 2007 feierte die Schule ihr 175-jähriges Bestehen und 2015 wurde sie als UNESCO-Projektschule anerkannt.
Die Staatliche Europa-Schule Berlin ist ein besonderes Angebot der Berliner Schule. Sie ist die bildungspolitische Antwort auf ein zusammenwachsendes Europa. Das Konzept der Schule ist einzigartig in der Bundesrepublik: Sie ist keine Eliteeinrichtung für besonders Begabte oder Diplomatenkinder.
Die Arbeitsgemeinschaft „Staatliche Europa - Schule Berlin“ (AG SESB) der Europa-Union Berlin ist eine Bürgerinitiative aus Eltern, Pädagog:innen und Unterstützer:innen, die vor mehr als 30 Jahren das Schulmodell der SESB mitkonzipierten.
Wegbeschreibung:
Unmittelbar neben der Schule finden wir den Eingang zum Heinrich-von-Kleist-Park.
Station 4: Heinrich-von-Kleist-Park - Alliierter Kontrollrat
Der Kleistpark war ursprünglich ein Teil des Botanischen Gartens in Berlin (heute in Lichterfelde) und wurde 1801 angelegt. Die Königskollonaden wurden dem Ensemble erst Anfang des 20. Jahrhunderts hinzugefügt. Anlässlich des 100. Todestages Heinrich von Kleists erhielt der heutige Park 1911 letztlich seinen Namen. Kleist war ein Erzähler und Dramatiker der Aufklärung und der Epoche des Sturm und Drangs. Sein Leben war geprägt vom ruhelosen Streben nach idealem Glück und einem Lebensplan der „freien Geistesbildung“. Mit seiner radikalen Haltung gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit hat sich Kleist zu Lebzeiten nie den erhofften Ruhm sichern können. Er blieb Außenseiter und wählte mit 34 Jahren am Kleinen Wannsee in Berlin den Freitod.
Das angrenzende Gebäude, das ehemalige preußische Kammergericht (erbaut 1909 – 1913), erlangte traurige Berühmtheit als Volksgerichtshof an dem mehr als 200 Todesurteile gefällt wurden: Hier fanden die Freisler-Schauprozesse statt, u.a. gegen die Geschwister Scholl und die Attentäter des 20. Juni 1944. Nach Kriegsende wurde das Gebäude Sitz des Alliierten Kontrollrats, der obersten Regierungsbehörde der Alliierten repräsentiert durch ihre Militärgouverneure. 1971 wurde hier das Viermächteabkommen über Berlin unterzeichnet, welches bis zum 2. Oktober 1990 Gültigkeit hatte. Heute residiert dort das Berliner Kammergericht - das Gebäude hat also seine ursprüngliche Funktion zurückerhalten.
Wegbeschreibung:
Wir umkreisen den Park, gehen durch die Königskollonaden und biegen rechts in die Potsdamer Straße. Wir folgen der Hauptstraße auf der linken Seite wo wir bei Nummer 155 die Gedenktafel für David Bowie erreichen.
Station 5: Gedenktafel für David Bowie
Hauptstraße 155
Nach einer exzessiven Zeit in Los Angeles zog David Bowie 1976 nach Berlin, hauptsächlich um
sich von seiner Drogensucht zu befreien. Ausgerechnet in Berlin? Aber er hatte recht. Was er
schätzte: Die Berliner ließen ihn in Ruhe, obwohl ein Superstar, wurde er selten auf der Straße
angesprochen. Er zog hier in eine Altbauwohnung, trieb sich in Diskotheken, Bars und Cafés
herum und schloss Freundschaften mit Berlinern. In dieser Zeit entstanden drei Alben: „Heroes“,
„Low“ und „Lodger“, die als „Berlin Trilogy“ in die Musikgeschichte eingingen. Eine Weile hatte
Bowie einen berühmten Mitbewohner: Iggy Pop.
„Ich hatte mich bis dahin nirgendwo so frei gefühlt wie in Berlin“, sagte Bowie 2013 in einem
englischen Musikmagazin und bekannte sich als ein „unverbesserlicher Europäer“:
Wegbeschreibung:
Wir folgen der Hauptstraße weiter und erreichen den kleinen Richard-von-Weizsäcker-Platz
Station 6: Richard-von-Weizsäcker-Platz
Der frühere Kaiser-Wilhelm-Platz wurde erst 2022 zu Ehren Richard von Weizsäckers, früherer Regierender Bürgermeister West-Berlins und Bundespräsident, umgewidmet. 1985 führte er mit seiner Ansprache zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft einen Paradigmenwechsel der deutschen Vergangenheitspolitik herbei, indem er den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung würdigte. In seiner zweiten Amtszeit wurde er 1990 das erste Staatsoberhaupt des wiedervereinten Deutschlands. Er war Präsident des European Leadership Network (ELN), ein im März 2011 gegründetes Netzwerk mit dem Ziel, Bedingungen für eine friedliche, atomwaffenfreie Zukunft zu schaffen.
Auf dem Platz erinnert eine Gedenktafel an die Namen der Konzentrationslager in Nazi-Deutschland. Dieser Platz war von je her ein zentraler Verkehrsknotenpunkt in Schöneberg und Berlin; an der östlichen Seite des Platzes stand ursprünglich das erste Rathaus von Schöneberg.
Unweit von hier ist die Julius-Leber-Brücke. Julius Leber war Widerstandskämpfer und wurde kurz vor Kriegsende in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Rund um die S-Bahnstation ist liegt die sogenannte “Rote Insel”. Die Entstehung des Namens ist nicht eindeutig geklärt. Von je her galt die „Rote Insel“ jedoch als Wohngebiet der kleinen Leute mit einem stets hohen Anteil an linken Wählern. Zwei Weltstars verbrachten hier ihre Kindheit: Hidegard Knef und Marlene Dietrich. Hier ist auch der EUREF-Campus angesiedelt.
Wegbeschreibung:
Wir gehen die Hauptstraße weiter Richtung Süden und biegen in die Akzienstraße ab, um an der nächsten Kreuzung nach links in die Belziger Straße abzubiegen. Am Ende der Straße sieht man schon das Rathaus Schöneberg. Auf halber Strecke passiert man links den Heinrich-Lassen-Park. Wie in vielen Berliner Parks gibt es auch hier einen neuen modern gestalteten Kinderspielplatz. Schon gewusst, dass es eine App gibt, um europaweit Spielplätze zu finden?
Station 7: Rathaus Schöneberg
Während der deutschen Teilung war das Rathaus Schöneberg gleichzeitig West-Berliner Regierungssitz und Bezirksrathaus. Berühmt ist die weltliche Freiheitsglocke, die sich im Fassadenturm des Rathauses befindet. Auf Initiative von Lucius C. Clay spendeten rund 16 Millionen US-Amerikaner für den Guss der “Liberty Bell“. Das Geläut der Glocken, zusammen mit dem Freiheitsschwur, hörten die alten Westberliner jeden Sonntag um 12h vom Sender RIAS im Radio. Über den Link des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/ueber-den-bezirk/historisches/artikel.362167.php ist der Ton der Glocke und der Freiheitsschwur zu hören.
Am 26. Juni 1963 hielt der Präsident der USA John F. Kennedy die berühmte Rede vor dem Rathaus Schöneberg, die mit dem historischen Bekenntnis endete: „Ich bin ein Berliner“. In seiner Rede bekundete er, dass die Teilung Deutschlands und Europas sich gegen die Geschichte richtete und die Freiheit des geeinten Deutschlands oberstes Ziel der Westmächte bleibe. Willy Brandt, Oberbürgermeister West-Berlins, drückte den Wunsch nach friedlicher Veränderung aus. Aufgrund der Symbolkraft dieser Rede wurde der frühere Rudolph-Wilde-Platz nach Kennedys Ermordung ihm zu Ehren nach dem Präsidenten umbenannt.
Wir sprechen mit Mirka Schuster, EU-Beauftragte des Bezirks Tempelhof-Schöneberg:
Wegbeschreibung:
Wir gehen rechter Hand vom Rathaus aus gesehen die Salzburger Straße entlang bis zum Bayerischen Platz.
Station 8: Bayerischer Platz - Orte des Erinnerns
Das Bayerische Viertel befindet sich übergreifend in Schöneberg und im Ortsteil Wilmersdorf des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf. Dieses bürgerliche Viertel im süddeutschen Renaissancestil wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut. Zahlreiche jüdische Familien und viele prominente Schriftsteller:innen, Künstler:innen und Wissenschaftler:innen lebten hier: Albert Einstein, Erich Fromm, Arno Holz, Alfred Kerr, Gottfried Benn, Rudolf Breitscheid, Erwin Piscator, Inge Deutschkron, Vladimir Nabokov u.v.m.. An 80 Straßenbeleuchtungsmasten hängen Doppelschilder, die in Worten und Bildern an nationalsozialistische Gesetzes- und Verordnungstexte erinnern und die die Entrechtung der Juden in Nazi-Deutschland dokumentieren. Im Auftrag des Senats von Berlin wurde das Bayerische Viertel 1993 quasi zu einem flächendeckendes Denkmal.
Im Café Haberland bietet der Verein „Quartier Bayerischer Platz“ Interessierten persönliche Information und Zugang zu Audio- und Videodokumenten über die Geschichte bemerkenswerter Orte und Häuser sowie den Biographien berühmter Anwohner.
Wir sprechen mit Sofia Hankel und Magdalene Rösch vom Verein "Quartier Bayerischer Platz".
Die Europa-Union Deutschland (EUD) ist die größte Bürgerinitiative für Europa in Deutschland. Unabhängig von Parteizugehörigkeit, Alter und Beruf engagieren wir uns für die europäische Einigung. Wir sind aktiv auf lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Ebene. Die Europa-Union Berlin (EUB) möchte den Bürger:innen der Stadt und auch unseren Gästen zeigen, wo und wie in der Stadt Europa gegenwärtig ist und auf unser Leben wirkt. Dazu organisieren wir Europäische Kiezspaziergänge, um in unseren lebendigen Nachbarschaften europäische Spuren aufzuzeigen. Unsere Kiezspaziergänge sind grundsätzlich als reale Begegnung der Teilnehmer:innen und gemeinsame Erwanderung der Stationen mit persönlicher Begrüßung und Erläuterung der besuchten Einrichtungen konzipiert.