Kiezspaziergänge



Europäischer Kiezspaziergang im Wedding

Zusammengestellt von Andreas Streit, Ronald Frank und Lisa Kühn

Der Wedding wurde bereits im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt und geht vermutlich auf den Adligen Rudolf de Weddinghe zurück.

Unterschiedliche Besitzer dieses kleinen Ortes (z.B. Benediktiner, brandenburgische Kurfürsten) wechselten sich im Laufe der Jahrhunderte ab, ehe der Wedding 1861 nach Berlin eingemeindet wurde. Von 1920 bis zum Jahre 2000 war der Wedding (inklusive dem heutigen Ortsteil Gesundbrunnen, wo einst die "Plumpe" = Herthaplatz stand) ein offizieller Bezirk in Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung gehörte der Wedding zum Französischen Sektor Berlins. Heute gehören die Ortsteile Wedding, Gesundbrunnen, Mitte, Moabit, Tiergarten, sowie das Hansaviertel zum Bezirk Mitte.

Das internationale Magazin „Time Out“ kürte den Kiez zum viertcoolsten Stadtviertel der Welt. Wir laden ein zu einem Spaziergang zwischen ramponiertem Charme und neuen Hotspots.

Die Route

Station 1: S+U-Bahn-Station Wedding

Zum Start unseres Spaziergangs versammeln wir uns am S+U-Bahnausgang Wedding. Der S-Bahnhof Wedding wurde bereits 1872 eröffnet. Ein Teil der Gesamtanlage sowie des Ringbahn-Viadukts stehen unter Denkmalschutz. Die Bahn wurde zur Wiedereröffnung des Bahnhofs bzw. anlässlich des Ringbahnschlusses 2002 nach Westen verschoben, um einen besseren Zugang zur U6 zu ermöglichen. Der U-Bahnhof Wedding wurde 1923 eröffnet und sollte die Nord-Süd-Verbindung in Berlin erleichtern.

Wegbeschreibung: Wir folgen der Müllerstraße nach Norden und biegen links in die Burgsdorfstaße. Zur Orientierung: Von Weitem ist an dieser Ecke auch schon das Kurt-Schumacher-Haus der SPD sichtbar.
 

Station 2: Prime-Time-Theater

Müllerstraße, Eingang Burgsdorfstraße 163

Die Geschichten der berühmten Bühnensitcom GWSW (Gutes Wedding, schlechtes Wedding) spielen hauptsächlich im Weddinger Kiez. Das 2003 gegründete Theater durchlief mehrere Höhen und Tiefen. 2009 wurde unter anderem mit Hilfe des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) die heutige Spielstätte ausgebaut.
Weitere Informationen gibt es hier.

Wir sprachen mit Oliver Tautonat, Mitbegründer des Theaters.

Wegbeschreibung: Wir gehen zurück auf die Müllerstraße, überqueren diese und erreichen
den Max-Josef-Metzger-Stadtplatz: Die 12m hohe Trümmersäule fällt sofort ins Auge.
 

Station 3: Die Trümmersäule

auf dem Max-Josef-Metzger-Platz

Max-Josef Metzger war ein katholischer Priester, der 1943 von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt wurde. Die Stele wurde nach Vorstellungen des Bildhauers Gerhardt Schultze-Seehof aus etwa 40.000 Mosaiksteinen und Trümmerschutt erschaffen. Am Fuße der Stele liest man die Begriffe: Sklaverei, Zerstörung, Aufbau und Demokratie. Bei der Einweihung 1954 wurde insbesondere auch an die Aufbauleistungen der Trümmerfrauen in Berlin erinnert, aber auch an die großen Aufgaben für einen Frieden in Europa und der Welt.

Wegbeschreibung: Wir verlassen den Park auf der anderen Seite und folgen der angrenzenden Gerichtstraße nach rechts bis zum Eingang des silent green Kulturquartiers.
 

Station 4: silent green Kulturquartier

Eingang: Gerichtstr. 35

Das silent green ist ein Veranstaltungsort und unabhängiges Projekt, das in den historischen Räumlichkeiten des ehemaligen Krematoriums Wedding eine in Berlin einzigartige Heimat gefunden hat. Die parkähnliche Anlage ist eine Oase, ein magischer Ort im Wedding. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde architektonisch im gesamten Ensemble dieser Anlage erhalten. Das Veranstaltungsprogramm umfasst lokale und europäische/internationale Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, historische Führungen, Filmvorführungen, moderne Kunst. Das futuristische Restaurant "Mars" bietet leckeres Essen.
Mehr Informationen finden Sie hier.

Wegbeschreibung: Nun geht es auf der Gerichtstraße zurück zur Müllerstraße. Wir biegen rechts ab und erreichen den Leopoldplatz. Gegenüber, linksseitig vor dem Rathausplatz, befindet sich die Schillerbibliothek.

Station 5: Schillerbibliothek

Müllerstraße 149

Die Schiller-Bibliothek, gegründet im Jahr 1920, ist eine der ältesten Bibliotheken des Bezirks. Zunächst als kleine Kinderlesehalle und Jugendbücherei eröffnet, etabliert sie sich rasch und wird 1936 zur Volksbücherei Schillerpark. Nach mehrmaligen Umzügen wurde der
Neubau der Schillerbibliothek unter anderem mit Mitteln aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) fertiggestellt. Mit dem Medienangebot an PC- und Konsolenspielen, Mangas und Animes werden insbesondere auch Jugendliche angesprochen. Im Rahmen des durch EFRE-Mittel geförderten Projektes „MakerCom“ werden neue und etablierte Workshops durchgeführt.
Mehr Informationen zur Schillerbibliothek gibt es hier.

Wir trafen Corinna Dernbach, die Leiterin der Bibliothek:

Wegbeschreibung: Wir durchqueren linksseitig den Rathausplatz in Richtung Genterstraße und folgen der Limburger Straße. Linker Hand liegt das Hauptgebäude der Hochschule.
 

Station 6: Berliner Hochschule für Technik (BHT)

Haupteingang: Luxemburger Straße 10

Der Bildungsreformer - aber umstrittene - Christian Peter Wilhelm Beuth (1781-1853) rief 1821 den „Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen“ ins Leben. Er bereitete so den Boden für die Professionalisierung der handwerklich-technischen Ausbildung vor. Zwei berühmte Weggefährten Beuths waren Karl-Friedrich Schinkel (1781-1841; die Nazarethkirche am Leopold Platz wurde nach Plänen von Schinkel erbaut) und der Gartenkünstler und Landschaftsarchitekt Peter Joseph Lenné (1789-1866). Die Gründungsphase der Hochschule geht bis weit in das 19. Jahrhundert zurück. Die stürmische Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft führte zur Gründung unterschiedlicher Fachrichtungen, dennoch versteht sich die Berliner Hochschule für Technik nach wie vor als vor allem als praxisorientierte und innovative Bildungseinrichtung mit starken ingenieurswissenschaftlichen Profil. Für die Hochschule hat die europäische Zusammenarbeit eine zentrale Bedeutung. Mit dem Erasmus-Programm und den Erasmus-Partnerhochschulen ermöglicht sie Studierenden den Austausch vor allem mit Studiensemestern/-jahren/-projekten oder Unternehmenspraktika, das Hochschulpersonal nimmt mit Lehraufenthalten oder Weiterbildung (in Hochschulen/Unternehmen) teil.
Mehr Informationen finden Sie hier.

Wegbeschreibung: Wir durchqueren den Zeppelin Platz, überqueren die Ostendener Straße in die Antwerpener Straße und erreichen an der nächsten Kreuzung die Brüsseler Straße im "Brüsseler Kiez". Wir wenden uns nach links und folgen der Brüsseler Straße bis zur Lütticher Straße. Ein Stück weiter auf der rechten Seite liegt das Anti-Kriegs-Museum. Zuvor halten wir an der Ecke Lütticher Straße kurz inne, da sich dort linker Hand im kleinen Grüngelände etwas versteckt ein kleines Kunstwerk befindet.
 

Station 7: Anti-Kriegs-Museum

Brüsseler Straße 21

Das erste Anti-Kriegs-Museum im Wedding wurde 1925 vom Pazifisten Ernst Friedrich gegründet, der die Grausamkeiten des Ersten Weltkrieges verdeutlichen wollte. Schnell entwickelte sich das Museum zu einem Treffpunkt friedenspolitisch eingestellter Menschen. 1933 wurde das Museum von der SA zerstört. Ernst Friedrich, der während des 2.Weltkrieges im französischen Exil die französische Staatbürgerschaft annahm, war ein Visionär der Völkerverbrüderung und ein Förderer der friedlichen europäischen Vereinigung. Das Museum wurde erst 1982 wiedereröffnet. Es informiert heute durch eine ständige Ausstellung und durch vielfältige andere Veranstaltungen auch über die Gräuel der Weltkriege und über aktuelle, weltweite Krisenherde. Schräg gegenüber in einer kleinen Grünanlage steht die Metallskulptur „broken rifle" (das zerbrochene Gewehr) von Angelo Monitillo aus dem Jahr 2005.
Weitere Informationen finden Sie hier

Der Leiter des Museums und Enkel des Gründers, Tommy Spree, gab uns einen Eindruck von der bewegten Geschichte und den gegenwärtigen Aufgaben des Museums.

Wegbeschreibung: Zurück zur Lütticher Straße halten wir uns links. Geradezu erreichen wir die Seestraße (eine der verkehrsreichsten Straßen in Berlin) und laufen rechts bis zur Ecke Genter Straße.
 

Station 8: Frauenzukunft e.V.

Genter Straße 74

Der Verein Frauenzukunft e.V. möchte durch Bildungsarbeit und Beratungsangebote für Frauen die Voraussetzungen für eine Ausbildung oder eine Qualifizierung und damit die Grundlage für eine erfolgreiche Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt schaffen. Den Teilnehmerinnen stehen hier vielfältige Beratungsangebote offen. Die sozio-kulturelle Vielfalt und die verschiedenen individuellen Lebenserfahrungen werden dabei besonders berücksichtigt.
Die vielfältigen Projekte werden gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF), der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Abteilung Frauen und Gleichstellung und der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.
Mehr Informationen finden Sie hier.

Wegbeschreibung: Wir überqueren die Seestraße und erreichen die Lüderitzstraße. Hier beginnt das Afrikanische Viertel im Wedding. Momentan stehen hier diverse Straßennamen mit Bezug auf die deutsche Kolonialgeschichte zur Disposition. Wir biegen rechts in die Kameruner Straße ein und erreichen abermals die Müllerstraße. Wir überqueren die Müllerstraße, folgen ihr kurz nach links und biegen rechts in die Türkenstraße ein. An der Edinburger Straße erreichen wir den Schillerpark. Dort folgen wir den Parkweg bis zur Schillerburg. Wenige Treppen noch und wir erreichen ein interessantes Denkmal.
 

Station 9: Schillerdenkmal

Schillerpark im Wedding

Schon um die Jahrhundertwende (1900) gab es Pläne für die Gestaltung des Parks. Es dauerte allerdings noch einige Jahre (1909 - 1913) bis die heute sichtbare burgähnliche Anlage angelegt wurde. Angrenzend, in nordöstlicher Richtung, befindet sich ein weiterer Park, der zur Erholung einlädt: Die Rehberge. Im Jahr 1905, zum 100. Todestag Friedrich Schillers, Dichter der Europäischen Hymne „Ode an die Freude“, einigte man sich auf die Namensgebung des Stadtparks. Das Denkmal auf der Schillerburg ist jedoch lediglich eine Kopie des 1869 geschaffenen Originals des Bildhauers Reinhold Begas. Die Nationalsozialisten, die auch Schiller für Propagandazwecke missbrauchten, stellten die Kopie 1940 auf.

Wegbeschreibung: Die Burg hat noch eine zweite Ebene, deren Aufstieg sich lohnt. Oben links geht es gemütlich bergab und wir erreichen wenige Meter weiter die Barfusstraße. Wir wenden uns nach rechts und dann links in die Bristolstraße, wo wir das Englische Viertel erreichen.

Station 10: Englisches Viertel (UNESCO- Welterbe)

Die Siedlung Schillerpark ist eine Wohnsiedlung im Englischen Viertel des Ortsteils Wedding. Sie wurde in den 1920er Jahren nach Plänen des Architekten Bruno Taut errichtet und gilt als das erste großstädtische Wohnprojekt außerhalb des Bereichs privater Unternehmer im Berlin der Weimarer Republik. Sie war auch eine der frühen genossenschaftlichen Siedlungen des Berliner Spar- und Bauvereins, der die Siedlung ab 1924 errichten ließ. In den Straßen mit den Namen englischer, irischer und schottischer Städte vermitteln die Häuser mit ihren Backsteinfassaden fast schon einen holländischen Charakter. Die Großsiedlung mit heute 600 Wohnungen war die erste Berliner Wohnanlage mit Fernwärmeanschluss und gehört seit 2008 zum UNESCO-Welterbe.

Wegbeschreibung: Wir verlassen die Bristolstraße und laufen links in den Schillerpark. Jede weiterführende Straße führt uns zurück zur Müllerstraße. Wir folgen der Müllerstraße nach rechts. Der Mini-Eifelturm erscheint am Horizont: das Ziel unserer kleinen Reise durch den Wedding.
 

Station 11: Centre Français & Mini-Eiffelturm

Müllerstraße 74

An dieser Stelle entstand eines von insgesamt vier deutsch-französischen Kulturzentren der Stadt. Die Anlage mit Hotel, Kino, Theater und Bibliothek kostete damals (1961) rund 2,8 Millionen DM – es war das damalige „Centre Culturel de Wedding“. Geradezu symbolisch erhebt sich daneben die Mini-Ausgabe des Pariser Eiffelturms. Das Centre Français de Berlin (CFB) ist eine gemeinnützige GmbH, deren Aufgabe es ist, im Sinne des europäischen Gedankens zur Völkerverständigung im Jugend-, Bildungs- und Kulturbereich beizutragen. 2014 ist der Gebäudekomplex aufwändig restauriert worden – das Motto von damals ist auch heute noch aktuell: Die deutsch-französische Freundschaft, ein Grundpfeiler des Europäischen Projektes.
Weitere Informationen finden Sie hier.

Wir sprachen mit Alice Biseuil und Leilah Haas, Mitarbeiterinnen des Centre Français de Berlin.


Hier endet unser Kiezspaziergang durch den Wedding. Von hier aus haben Sie mit der U6 (Stationen Rehberge und Afrikanische Straße) einfache Abreisemöglichkeiten.

Die Europa-Union Deutschland (EUD) ist die größte Bürgerinitiative für Europa in Deutschland. Unabhängig von Parteizugehörigkeit, Alter und Beruf engagieren wir uns für die europäische Einigung. Wir sind aktiv auf lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Ebene. Die Europa-Union Berlin (EUB) möchte den Bürger:innen der Stadt und auch unseren Gästen zeigen, wo und wie in der Stadt Europa gegenwärtig ist und auf unser Leben wirkt. Dazu organisieren wir Europäische Kiezspaziergänge, um in unseren lebendigen Nachbarschaften europäische Spuren aufzuzeigen. Unsere Kiezspaziergänge sind grundsätzlich als reale Begegnung der Teilnehmer:innen und gemeinsame Erwanderung der Stationen mit persönlicher Begrüßung und Erläuterung der besuchten Einrichtungen konzipiert.

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