Europa brauchte mehr als eine Bewegung
Die vielleicht überraschendste Aussage meines Vortrags stammt aus dem Jahr 1959. Arnold Bergstraesser, einer der prägenden Köpfe bei der Gründung des Bildungswerks Europäische Politik, stellte damals ausdrücklich fest: Die neue Organisation solle kein Forschungsinstitut werden. Fünfzehn Jahre später trug sie einen neuen Namen: Institut für Europäische Politik.
Diese Entwicklung habe ich am 8. Oktober auf der internationalen Konferenz „The University Without Borders – Networks, centres and institutions for a European university“ an der Universität Genua vorgestellt. Im Konferenzprogramm war ich dabei bewusst in meiner Funktion als Co-Landesvorsitzender der Europa-Union vertreten. Denn die Geschichte des heutigen Instituts für Europäische Politik lässt sich kaum erzählen, ohne auf die Geschichte der europäischen Bewegung zu blicken.
Nach dem Scheitern ambitionierter föderaler Projekte in den 1950er-Jahren mussten sich die organisierten europäischen Föderalist:innen eine grundlegende Frage stellen: Wie sollte die Idee eines politisch geeinten Europas weiterverfolgt werden, wenn die politische Realität nicht dem eigenen Entwurf folgte?
Eine Antwort lautete: Die europäische Bewegung brauchte neben politischem Engagement auch Orte, an denen über Europa systematisch nachgedacht, Wissen vermittelt und politische Konzepte entwickelt werden konnten.
Von der Europa-Union zum Bildungswerk
Aus diesem Umfeld entstand am 25. April 1959 das Bildungswerk Europäische Politik. Heinrich Schneider und Arno Krause gehörten zu den wichtigen Impulsgebern, der damalige Präsident der Europa-Union, Friedrich Carl Freiherr von Oppenheim, wurde zu einem entscheidenden Unterstützer und Netzwerkbauer. Mit dem Politikwissenschaftler Arnold Bergstraesser kam zugleich eine stärkere wissenschaftliche Perspektive hinzu.
Die Gründung war damit auch Ausdruck eines Wandels innerhalb der europäischen Bewegung. Europa sollte nicht nur gefordert werden. Die politische Idee musste erklärt, diskutiert, wissenschaftlich untersucht und gesellschaftlich vermittelt werden.
Genau darin liegt für mich als Co-Landesvorsitzender der Europa-Union Berlin ein besonders interessanter Teil dieser Geschichte. Eine zivilgesellschaftliche Bewegung schuf eine Institution, die sich zunehmend von ihr emanzipierte. Das Bildungswerk entwickelte eigene Analysen und Positionen und konnte damit schließlich auch Debatten innerhalb der Europa-Union herausfordern. 1972 beschrieb es sich selbst als Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Bildung und Politik. 1974 wurde daraus das Institut für Europäische Politik.
Diese Emanzipation war kein Scheitern der ursprünglichen Idee. Sie zeigt vielmehr, was eine politische Bewegung bewirken kann, wenn sie bereit ist, dauerhafte Institutionen zu schaffen, die auch unabhängig von ihr denken.
Eine europäische Landkarte von Ideen und Institutionen
Genau deshalb passte die Geschichte des IEP zur Konferenz in Genua. Veranstaltet wurde sie von den Fachbereichen für Rechtswissenschaften sowie für Politik- und internationale Wissenschaften der Universität Genua gemeinsam mit dem Centro interuniversitario per la Storia delle Università italiane (CISUI) und der Associazione universitaria di studi europei (AUSE). Die Tagung betrachtete in historischer Perspektive die Entstehung europäischer Hochschulen, Bildungsstätten, Forschungszentren und Netzwerke und schlug den Bogen bis zu Erasmus und den heutigen Europäischen Hochschulallianzen.
Besonders deutlich wurde diese europäische Institutionenlandschaft in meinem Panel. Frédéric Lépine, stellvertretender Generaldirektor des Centre international de formation européenne (CIFE), sprach über Alexandre Marc, die Gründung des CIFE und das Collège d’Études fédéralistes in Aosta. Étienne Deschamps vom Europäischen Parlament stellte ein Luxemburger Projekt für eine internationale Universität vor. Moderiert wurde die Runde von Simona Negruzzo von der Universität Pavia.
Gerade dieser Vergleich ist mir aus Genua besonders in Erinnerung geblieben. Auf der europäischen Landkarte entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg an ganz unterschiedlichen Orten Einrichtungen mit einem ähnlichen Anspruch: in Brügge und Straßburg, Nancy und Aosta, Otzenhausen und später Berlin. Europa wurde dort nicht nur politisch verhandelt. Es wurde gedacht, gelehrt, diskutiert und durch Begegnung erfahrbar gemacht.
Auch die 1963 gegründete Europäische Akademie Berlin gehört zu dieser Geschichte europäischer Bildungsorte. Ihre institutionelle Geschichte ist eine andere als die des IEP. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Überzeugung, dass europäische Zusammenarbeit gesellschaftliche Räume braucht, in denen Menschen Wissen erwerben, unterschiedliche Positionen diskutieren und über nationale Grenzen hinweg miteinander ins Gespräch kommen.
Was die Bewegung von ihren Institutionen lernen kann
Für mich verbindet sich damit auch eine Frage an die heutige europäische Zivilgesellschaft. Die Europa-Union ist älter als viele der politischen und wissenschaftlichen Institutionen, mit denen wir heute selbstverständlich über Europa diskutieren. Ihre Geschichte zeigt aber, dass die Aufgabe einer Bewegung nicht darin endet, politische Forderungen zu formulieren. Sie kann Menschen zusammenbringen, Debatten anstoßen und Strukturen hervorbringen, die weit über den ursprünglichen Verband hinauswirken.
„Als Europawissenschaftler und Co-Landesvorsitzender der Europa-Union finde ich gerade diese Entwicklung faszinierend: Eine europäische Bewegung hatte den Mut, eine Institution zu schaffen, die sich schließlich auch von ihr emanzipierte. Vielleicht ist genau das eine ihrer größten Leistungen. Wer Europa mitgestalten will, braucht nicht nur Überzeugungen, sondern Orte, an denen die eigenen Ideen geprüft, diskutiert und weiterentwickelt werden können.“
Die Geschichte des IEP führt damit zurück zu einer Frage, die auch heute aktuell ist: Welche Orte schaffen wir, an denen die nächste Generation Europa nicht nur kennenlernt, sondern selbst weiterdenken kann?
von Manuel Knapp (knapp(at)europa-union-berlin.de)